Jahreszwielicht

Es gibt viele malerische Begriffe in unserer Sprache. Dafür – so meine ich gelesen zu haben – ist das Deutsche recht bekannt, als Sprache der Dichter und Denker. Zumindest früher einmal.

 

Wie auch immer, auf jeden Fall haben wir Wörter für wahrlich seltsame Dinge.

 

Wenn ich in diesem Zwielicht des Jahres zwischen dem letzten Herbstlaub und dem ersten Wintergrau durch die Welt spaziere, die langsam immer mehr Himmel und immer weniger Leben wird, dann kommen diese Gedanken über malerische Worte zu mir. Von Weltschmerz und Frühjahrsmüdigkeit. Ach, die Frühjahrsmüdigkeit - doch jetzt ist Herbst und ich sitze mitten im Herbsttief fest. Der goldene Oktober ist vorbei, der gemütliche Dezember noch nicht gekommen. Mein Herz ist schwer und ein Kopf auch, von zu vielen schweren, sperrigen Gedanken, die das Leben manchmal logischer machen, aber leider nicht leichter.

 

 

Wie die Gedanken über die Liebe.

 

Eine Liebe, die ein ganzes Jahr lang vorsichtig wuchs wie die Blattrosette einer Nachtkerze. Die in der Gemütlichkeit der Nachweihnachtszeit richtig begann, zum Frühjahr hin noch staunte über dieses Wunder und erstarkte, zum Sommer hin erblühte. Die im Hochsommer unter einem Übermaß an Hitze und manchmal auch Trockenheit litt und die jetzt unter den im Jahreslauf gewachsenen, herab segelnden Blättern des Beisammenseins, Getrenntseins, des Eins- und Uneinsseins - von Wind und Tränen zum Fallen gebracht - kaum noch zu sehen ist. Da liegt sie nun, diese Liebe, bedeckt von Vergangenem und nie Gesagtem, ein Haufen welker Blätter.

 

Ich betrachte sie in diesem Jahreszwielicht mit Abstand, mit Mitgefühl, und frage mich, ob sie nur ein Weilchen schläft um dann wieder zu erwachen, oder ob dieser Winter ihr Tod sein wird. Wie bei einer Nachtkerze, die nach zwei Jahren geblüht hat und ihre Samen in den Wind streut in der Hoffnung, das andere nach ihr kommen werden.

 

 

Der erste Frost lässt das Novemberland erstarren. Grashalme blitzen im Morgenlicht von Kristallen und knacken unter den Schuhen. Meine Gedanken kommen zur Ruhe, denn der Frost besetzt sie. Mit dem Aufstehen in der Kälte am Morgen, den frierenden Fingern, dem Entzünden des Feuers im Ofen. Holzhacken. Wasser tragen, wieder quer durch das halbe Bauwagendorf bis in meine Küche, weil die Außenanschlüsse mit Wasser zum Frostschutz geleert wurden. Drei Paar Socken übereinander tragen, weil die Füße morgens stundenlang frieren, bis der Bauwagen endlich richtig warm ist.

 

Tu etwas, spricht der Frost. Was erstarrt liefert sich dem Tod aus, flüstert der Frost. Hör auf zu denken, fordert der Frost.

 

Und ich gehorche.

 

Ich denke nicht. Ich arbeite. Ich heize meinen Wagen, koche heißes Essen, backe die ersten weihnachtlichen Lebkuchen, zeichne ein paar lang erwartete Bilder. Ich fahre in die Universität, ins Labor, versorge meine Pflanzen, ziehe neue an, schließe Experimente ab.

 

Dann geht der Frost wieder, so wie er kam: über Nacht.

 

 

Und die Gedanken sind zurück. Weltschmerz, Frühjahsmüdigkeit. Herbsttief, beschließe ich. Lähmendes, trübendes, trauriges Herbssttief.

 

Herbstschwere? Oder Herbsttrübsinn?

 

Herbstwehmut?

 

Welches Wort nur für dieses seltsame Ding?

 

Zeichnung November